Das Theater in Carlsruhe
Herzog Carl Christian Erdmann von Württemberg - Oels residierte während des Winters in Oels. In Carlsruhe hielt er sich nur im Sommer auf. In Oels unterhielt der Herzog ein ständiges Theater, das bis zu seiner plötzlichen Auflösung im Jahre 1805 eine der ersten Kunststätten Schlesiens war. Hier hatte auch Ditters von Dittersdorf um 1800 den Taktstock geschwungen.
Auf der Sophieninsel war schon 1755 ein Naturtheater angelegt worden. Fichtenhecken schlossen es ein und das Schlösschen bildete den Hintergrund. Ländliche, besonders Schäferspiele, wurden dort aufgeführt, und Mozarts und Haydns Menuette erklangen dazu. Zunächst war der Hof sich selbst zumeist Schauspielgesellschaft und Publikum, doch mitunter haben hier auch die Oelser Schauspieler ihre Künste gezeigt. So war auch unweit des Schlosses im französischen Garten ein Naturtheater geschaffen worden. Schon bald nach 1775 wurde die nun nicht mehr benötigte Interimskirche "einigermaßen zu einem kleinen Theater eingerichtet".
Mit dem Tod Carl Christian Erdmanns im Jahre 1792 wurde die Trennung von Oels und Carlsruhe durchgeführt. Oels erhielt der Schwiegersohn (Braunschweig-Oels), Carlsruhe der Neffe des Gründers, Herzog Friedrich Eugen. Dieser Herzog verlegte seinen ständigen Wohnsitz nach Carlsruhe, das also von nun ab ständige Residenz wurde. Der neue Besitzer, ein feingeistiger Herr mit warmem Herzen für die Kunst, fand den Fürstensitz äußerlich ganz ausgebaut vor und konnte sich nun dem inneren Ausbau widmen. Er ließ 1793/94 das Theater zu einem "ordentlichen Komödienhaus" mit einem Ankleidezimmer und einer, großen Bühne umbauen, die an Größe die damalige Breslauer Bühne übertraf und sich hinsichtlich der geschmackvollen Dekoration und Garderobe mit den meisten städtischen Theatern messen konnte.
In dieser idyllischen Residenz schuf Herzog Heinrich Friedrich Eugen eine Theatertruppe, indem er erstklassige Schauspieler nach Carlsruhe berief. Auch gründete er ein Orchester, das mehrmals wöchentlich vor einem Publikum von Prinzen und Prinzessinnen, Hofdamen und Kavalieren, Zofen und Jägern, Hirten und Holzvögten Theaterstücke aufführte und musizierte. So wurde das Carlsruher Theater eine Volksbildungsstätte. Das gesamte Theater bestand zu dieser Zeit aus etwa 25 Personen: 8 Schauspielern und 7 Mitgliedern, die Schauspieler und Musiker zugleich waren.
Am Anfang des Jahres 1798 bestand das Theater und Kapelle aus folgenden Personen:
- Herr Herbst, zugleich Theaterdirektor
- Herr Callin
- Herr Julius
- Herr Eberhard
- Frau König
- Frau Gläser
- Frau Redlich
- Frau Koch
- Frau Marsch
- Frau Clementi
Schauspieler und Musiker waren:
- Herr Clementi, zugleich Musikdirektor
- Herr Redlich
- Herr Dotrevaux
- Herr Richter
- Herr Schmidt, zugleich Ballermeister
- Herr Pausewang der jüngere
- Herr Madlong
Musiker allein sind:
- Herr Klehmet, zugleich Kapellmeister
- Herr Ellenberger
- Herr Pausewang der ältere
- Herr Hetzel
- Herr Prosch
- Herr Schwarz
- Herr Etmeyer
- Herr Wagner
Frau Dotrevaux war Aufseherin über die Garderobe, Souffleur Herr Körner, Theatermaler Herr Hauschke; über dem besorgen noch verschiedene andere Einwohner Carlsruhes die nötigen Arbeiten.
Alle waren von bester Qualität, empfingen ein gutes Gehalt und befanden sich in gesellschaftlich geachteter Stellung. Ihre Wohnungen hatten sie in den kleinen Häuschen an der Luisenallee. Lobenswert waren das Betragen und die Lebensart der Theatermitglieder. Ein seltener Geist beherrschte die hochgemute Künstlerschar, mit der Herzog Friedrich-Eugen, selbst Kenner, Dichter und somit richtiger Beurteiler der Künstler, im oberschlesischen Walde eine hervorragende Kunststätte zur selben Zeit schuf, als Goethe im Herzen Deutschlands das Weimarer Theater erneuerte.
Neben den, dem damaligen Zeitgeschmack entsprechenden Sittenstücken kamen auch Saliäre, Dittersdorf, Lessing, Schiller und Shakespeare ausgiebig auf die Carlsruher Bühne. Die Stücke, die man damals aufführte, zeugten nicht nur von einem gebildeten Geschmack, sondern auch von dem rühmlichen Bestreben, durch sie auf die Moralität, die feinen Sitten und die Bildung des Herzens einzuwirken. Da ein jeder, der eine Eintrittskarte wünschte, diese unentgeltlich bekam, wurde das Carlsruher Theater eine Volksbildungsstätte ähnlich der Weimarer Bühne, an der Herzogin Anna-Amalie dreimal wöchentlich freien Theaterbesuch für jedermann gestattete. In Carlsruhe war jeden Mittwoch und Sonnabend dem Schauspiel gewidmet, während am Donnerstag und am Samstag Konzerte stattfanden, bei schönem Wetter draußen im englischen Garten. Die Theaterabende glichen großen Familienfeiern. Die Aufführungen hatten einen intimen Charakter und waren der Bedeutung des Alltags angepasst.

Im Jahre 1806 traf es sich, dass Carl-Maria von Weber seinen Posten als Theaterkapellmeister in Breslau aufgeben musste. Da gelang es einer Carlsruher Hofdame, sich bei Herzog Friedrich Eugen wohlwollend für Weber einzusetzen, und bereits im Herbst desselben Jahres siedelte der Klaviervirtuose und Komponist mit seinem Vater und seiner Tante nach Carlsruhe über. Hier begann nun für Weber eine hoch bedeutende Schaffenszeit.
Wie Eichendorff, so hat auch Weber in Carlsruhe einen großen Teil seiner besten künstlerischen Eindrücke empfangen. Hier in Carlsruhe schrieb er zwei Symphonien, mehrere Konzerte und Harmoniestücke, hier ging ihm auch die erste Anregung zu seinem später vollendeten "Freischütz" auf.
Carl-Maria von Weber lebte in einem der herzoglichen Kavaliershäuser am Schlossplatz als Gast des Fürsten, dessen eigene Diener auch ihn bedienten. Das Frühstück, von einem herzoglichen Lakaien gebracht, nahm er in seiner Wohnung ein. In der Nähe wohnten und lebten auch sein Vater und seine Tante. Mittags und abends war er Gast an der herzoglichen Tafel und ein gern gesehenes Mitglied des Zirkels, der sich um den Teetisch oder das Piano der Herzogin zu versammeln pflegte. Die kindlich schöne, 16jährige Prinzessin Sophie-Dorothea zierte diesen Kreis wie eine schöne Blume. Fast jeden Abend wurde musiziert, wozu selbst im kleinsten Kreise ausreichende Kräfte vorhanden waren.
Als dann die Wolken am politischen Himmel immer düsterer wurden, löste Friedrich Eugen schweren Herzens sein Theater und das Orchester auf. Weber verließ am 23.2.1807 die Residenz. In seinen späteren Werken "Leier und Schwert" und "Kampf und Sieg" haben die Eindrücke der letzten Carlsruher Tage ihren musikalischen Ausdruck gefunden.
Aber unverlierbar ist die Erinnerung, dass der damals 20-jährige Carl-Maria von Weber vom Herzog Eugen von Württemberg im Jahre 1804 dorthin berufen wurde, im prächtigen Renaissance-Musiksaal seine frühen Kompositionen dirigierte und aus der Melodie der dunklen, rauschenden Wälder die Motive für seinen später entstandenen "Freischütz" vernommen haben mag.
Carl-Maria von Weber verstand es, zugleich ein Naturfreund und Romantiker zu sein. Er verstand es in vorzüglicher Art, die herrliche, abwechslungsreiche Landschaft des südöstlichen Deutschlands durch die ihm mit in die Wiege gelegte musikalische Genialität in Realität, Resonanz und höfische Eleganz zu vereinigen.


